Heraus zum 1. Mai: Mach Dich stark mit uns!
Tag für Tag erleben wir Angriffe auf hart erkämpfte Rechte – auf den 8-Stunden-Tag, auf Lohnfortzahlung, auf soziale Sicherheit. Und immer wieder dieselbe falsche Behauptung: Die Löhne seien zu hoch. Damit ist jetzt Schluss!
Wir Gewerkschaften stehen auf und kämpfen – für jeden einzelnen Arbeitsplatz. Wir sind die Schutzmacht der Beschäftigten, und Jobsicherheit ist unser oberstes Gebot. Unsere hart errungenen Rechte gelten heute genauso wie gestern. Das Grundgesetz sagt: Eigentum verpflichtet. Und diese Verpflichtung heißt konkret: Verantwortung für Arbeitsplätze übernehmen, in den Standort Deutschland investieren, gemeinsam mit uns Lösungen finden. Wir lassen nicht zu, dass Profitinteressen über Menschenleben gestellt werden.
Deutschland verfügt über entscheidende Standortvorteile: bestens ausgebildete Fachkräfte, eine leistungsfähige Industrie, weltbekannte Qualitätsprodukte und bewährte Sozialpartnerschaft. Statt alles immer nur schlechtzureden, müssen wir unsere Stärken für die Zukunft nutzen.
Unternehmen müssen heute die Weichen für morgen stellen: Künstliche Intelligenz, Batterietechnologie und klimaneutrale Produktion sichern die Arbeitsplätze der Zukunft. Wer hier nicht investiert, verliert den Anschluss. Arbeitgeber*innen müssen sich klar zu Deutschland bekennen: mit Investitionen statt Standortverlagerungen, mit Perspektiven statt Stellenabbau. Gemeinsam mit uns Gewerkschaften wird das gelingen – auf Augenhöhe und mit fairen Kompromissen.
Wer Gewinne macht und vom Steuerzahler profitiert – durch Subventionen, Infrastruktur und bezahlbare Energie –, muss Verantwortung für Arbeitsplätze und Standorte übernehmen.
Wir fordern eine höhere Besteuerung hoher Erbschaften und sehr großer Vermögen. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit: Während Beschäftigte jeden Monat Steuern und Sozialabgaben zahlen, werden Millionenerbschaften kaum belastet. Mit einer gerechteren Steuerpolitik können wir die notwendigen Investitionen in Infrastruktur, Bildung und sozialen Zusammenhalt finanzieren. Wer viel hat, muss mehr zum Gemeinwohl beitragen.
Wir Gewerkschaften stehen an Deiner Seite. Wir kämpfen für gute Arbeit, für soziale Sicherheit und eine Zukunft, die allen Perspektiven bietet.
Mach Dich stark mit uns!
Aufruf zum 1. Mai 2026: Erst unsere Jobs, dann eure Profite

Unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ gehen wir am 1. Mai 2026 auf die Straße – kämpferisch, solidarisch und entschlossen.
Der Aufruf des DGB:
Arbeitsplätze geraten unter Druck, Standorte werden verlagert, soziale Sicherheit wird infrage gestellt. Gleichzeitig sollen
wir länger arbeiten, mehr leisten und mit weniger auskommen. Das machen wir nicht mit.
Erst unsere Jobs, dann eure Profite – sichere Arbeit und gute Perspektiven!
Die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Viele Kolleginnen und Kollegen haben Angst um ihre Zukunft und die ihrer Familien. Doch die Beschäftigten sind nicht verantwortlich für Krisen, Fehlentscheidungen oder unterlassene Investitionen. Sie sind es, die jeden Tag arbeiten – und damit den Laden am Laufen halten.
Arbeitgeber müssen endlich Verantwortung übernehmen: In die Zukunft investieren, Arbeitsplätze sichern und sich zum Standort bekennen. Unsere Arbeit schafft den Wohlstand – also müssen unsere Jobs an erster Stelle stehen.
Erst unsere Gesundheit, dann eure Profite – Hände weg vom 8-Stunden-Tag!
Der Angriff auf den 8-Stunden-Tag ist ein Angriff auf unsere Gesundheit. Unter dem Schlagwort „Flexibilisierung“ drohen längere Arbeitstage, mehr Druck und weniger Planbarkeit.
Wir sagen klar: Wir arbeiten genug! Der 8-Stunden-Tag schützt unsere Gesundheit, unsere Familien und unsere Freizeit.
Er ist eine zentrale Errungenschaft der Arbeiterbewegung – und nicht verhandelbar. Wenn das Arbeitszeitgesetz fällt, bestimmt der Chef über unsere Zeit. Das lassen wir nicht zu.
Erst unsere Sicherheit, dann eure Profite – für eine starke Rente und gute Versorgung für alle!
Der Sozialstaat ist kein Kostenfaktor, den man beliebig kürzen kann – er ist die Grundlage für Zusammenhalt und Stabilität. Wer heute behauptet, er sei „zu teuer“, lenkt von den eigentlichen Problemen ab: einer ungerechten Vermögensverteilung und einer unzureichenden Finanzierung.
Die Rente gehört uns – denjenigen, die in sie einzahlen. Wer ein Leben lang arbeitet, muss im Alter sicher leben können.
Und wir brauchen ein Gesundheitssystem, das sich an dem orientiert, was die Menschen benötigen – nicht an den Rendite-erwartungen von Investoren. Wir fordern eine Gesundheitsversorgung für alle – unabhängig vom Geldbeutel.
Erst unser bezahlbares Leben, dann eure Profite – Schluss mit der Abzocke!
Die Lebenshaltungskosten steigen, besonders beim Wohnen und bei Energie. Auch Nahrungsmittel werden immer teuer.
Immer mehr Menschen geraten unter Druck, obwohl sie arbeiten. Das zeigt: Der Markt regelt es eben nicht!
Wir brauchen eine Politik, die eingreift, reguliert und für spürbare Entlastung sorgt. Denn gute Arbeit muss ein gutes Leben ermöglichen – und zwar auch bei Wohnen, Energie und im Supermarkt.
Heraus zum 1. Mai!
Der 1. Mai ist ein Tag des Zusammenhalts, der Solidarität, des Widerstands und des Einsatzes für den Frieden. Wir stehen gemeinsam für unsere Rechte, für unsere Würde und für eine gerechte Gesellschaft. Lasst uns laut sein gegen Angriffe auf Arbeitnehmerrechte, gegen Sozialabbau und gegen eine Politik, die die Interessen der Beschäftigten hintenanstellt.
Gehen wir gemeinsam auf die Straße – für sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und eine starke Demokratie.
Erst unsere Jobs, dann eure Profite!
Angriff auf den Sozialstaat: Jetzt redet Ihr

n den vergangenen Monaten wurde heftig über Arbeitszeit, Krankenstand und Sozialleistungen diskutiert. Beschäftigte stünden zu oft in Teilzeit, meldeten sich zu häufig krank, arbeiteten nicht genug – so lauten die Vorwürfe. Kaum eine Woche verging ohne neue Forderungen nach „mehr Leistung“ und „mehr Eigenverantwortung“. Doch in dieser Debatte kommt die Lebensrealität der Beschäftigten kaum vor.
Sag uns, was Du dazu denkst: auf der Seite deine.igbau.de/zukunft-sozialstaat.
24.01.2025,08:00
Scharfmacher in der Debatte um den Sozialstaat
Mit markigen Worten haben führende Unionspolitiker*innen die Debatte über Arbeit und Sozialstaat angeheizt. Bundeskanzler
Besonders der Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ hat sich dabei eingebrannt, denn er offenbart ein Bild von den Beschäftigten in diesem Land, das nicht weiter von der Realität entfernt sein könnte. Ein Bild, in dem gesellschaftliche Probleme schnell zur Frage individueller Leistungsbereitschaft werden. Hohe Krankenstände, Personalmangel oder Arbeitszeitwünsche erscheinen dann weniger als Ergebnis harter Arbeitsbedingungen, sondern als Ausdruck falscher Lebensführung.
Doch wie erleben eigentlich diejenigen diese Debatte, die jeden Tag auf Baustellen arbeiten, Wälder bewirtschaften, Gebäude reinigen oder im Betrieb schuften?
Um genau das herauszufinden, haben wir einen Aufruf gestartet – in den „sozialen Medien“ und auf unserer Homepage und im Newsletter. Wir wollten wissen: Wie erlebst Du diese Debatten? Wie kommst Du über die Runden? Fühlst Du Dich respektiert oder unter Druck gesetzt? Wie klappt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wirklich?
Die Resonanz war groß. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen haben uns geschrieben – manche mit Wut, andere mit Sorge, viele mit sehr persönlichen Geschichten. Auch in den „sozialen Medien“ wurde intensiv diskutiert.
Im Folgenden wollen wir mit Euren Stimmen und wissenschaftlichen Studien die Debatte einordnen.
Jetzt redet Ihr!
Erst bellen, dann zurückziehen
Zuerst wollen wir aber einen Blick auf die Urheberinnen und Urheber dieser Debatte werfen. Die jüngsten Aussagen folgen dabei einem bekannten Muster: Zunächst wird die ganz große Keule herausgeholt. „Weg mit der telefonischen Krankschreibung!“ lässt beispielsweise Gitta Connemann, Vorsitzende der CDU-Mittelstands-und Wirtschaftsunion (MIT), am 14. Januar bei Welt TV verlauten. Es würde den Beschäftigten zu leicht gemacht: „Einfach das Telefon in die Hand genommen“ und ein „bisschen Stimme verstellen“. Beschäftigte in diesem Land würden es zu oft nicht über die Bettkante schaffen, obwohl sie eigentlich arbeitsfähig seien.
Nach dem einkalkulierten Gegenwind von Gewerkschaften, Sozialverbänden und selbst aus dem Arbeitnehmerflügel der eigenen Partei wird relativiert. Man habe ja nur bestimmte Fälle gemeint. Nur jene, die bei der Krankschreibung schummelten.
Doch die Frage bleibt: Warum versteift sich der wirtschaftsliberale Flügel der CDU immer wieder auf statistisch kleine Einzelfälle? Warum werden Ausnahmen zum politischen Großthema gemacht? Liegt es vielleicht daran, dass hinter dem Getöse keine tragfähigen Konzepte für eine gerechte Reform des Sozialstaats stehen?
Lobbyverein gibt den Ton an
Eine treibende Kraft hinter der Teilzeit-Debatte ist der sogenannte wirtschaftspolitische Flügel der CDU. Darunter fällt unter anderem die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT). In einem Antrag an den Bundesparteitag forderte sie, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit einzuschränken.
Noch deutlicher wird die Interessenlage beim sogenannten „Wirtschaftsrat der CDU“. Anders als die MIT ist er kein offizielles Parteigremium, sondern ein Lobbyverein. Dieser brachte etwa ins Gespräch, Zahnbehandlungen aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen.
Wenig mediale Aufmerksamkeit erhielten weitere Forderungen des Papiers „Agenda für Arbeitnehmer in Deutschland“ vom 1. Februar 2026. Neben der Streichung der Mütterrente spricht sich der Lobbyverband für eine mittelfristige Erhöhung des Renteneintrittsalters auch über den 67. Geburtstag hinaus durch Koppelung an die Lebenserwartung aus. Eine Forderung, die mittlerweile auch öffentlich vom Bundeskanzler vertreten wird. Ebenso brisant wie explosiv: die Streichung von Unfällen auf Arbeitswegen aus dem Leistungskatalog der Unfallversicherung.
Wichtig ist dabei: Der Zusatz „der CDU“ signalisiert lediglich Nähe zur Partei. Anders als die Mittelstands- und Wirtschaftsunion ist er jedoch keine satzungsgemäße Vereinigung nach dem Statut der Partei. Faktisch jedoch agiert der Wirtschaftsrat wie ein parteinahes Gremium. Mit prominenten personellen Überschneidungen: Friedrich Merz, aktueller Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender, war von Juni 2019 bis November 2021 Vizepräsident des Wirtschaftsrats.
Eine Frechheit
Doch politische Debatten sind das eine. Wie sie bei den Beschäftigten ankommen, ist etwas anderes. Das zeigt beispielsweise die Zuschrift von Steffen: „Eine arrogante Debatte, die die Menschen nicht ernst nimmt, sondern im Gegenteil noch verhöhnt und beleidigt.“ Er führt weiter aus: „Eine Frechheit und ein Schlag ins Gesicht aller Beschäftigten. Hier werden die Pfründe der Reichen verteidigt.“
Auch Simone (Name von der Redaktion geändert) empfindet die Tonlage als respektlos. „Ich finde die Sozialabbau-Debatte über die angeblich zu faule, zu kranke, zu oft in Teilzeit arbeitende Bevölkerung beschämend und eine Frechheit„, schreibt sie.
Über den Reformbedarf des Sozialstaats lässt sich sicher streiten. Denn klar ist auch: Eine Vielzahl von Programmen, Verwaltungsstrukturen und Prüfungen sorgt dafür, dass Mittel nicht immer dort ankommen, wo sie benötigt werden. Dennoch sorgt der Sozialstaat mit Steuern, Sozialabgaben und staatlichen Leistungen dafür, dass große Unterschiede bei den Einkommen verringert werden. Gleichzeitig fängt er Einkommensschwankungen im Laufe des Lebens ab – etwa durch Leistungen wie Arbeitslosen-, Bürger- oder Krankengeld. Insgesamt tragen diese Maßnahmen dazu bei, dass die Armutsquote um fast 40 Prozent sinkt. Trotzdem prägen Schlagworte wie „zu teuer„, „zu bequem“ oder „falsche Anreize“ häufig die öffentliche Debatte.
Wenn das Geld nicht reicht
Völlig außen vor in der Debatte blieb: Vollzeitbeschäftigung schützt längst nicht mehr automatisch vor finanziellen Sorgen. Für viele Beschäftigte bedeutet Arbeit heute vor allem: rechnen, planen, verzichten.
Auch IG BAU-Mitglied Kim (Name von der Redaktion geändert), derzeit in der Ausbildung, schildert eine angespannte finanzielle Lage. Auf die Frage, wie der Lebensunterhalt bestritten wird, lautet die knappe Antwort: „Mit Mindestlohn – kaum.„
Ein Minus von rund 1000 Euro habe sich nur durch Ersparnisse ausgleichen lassen. „Ich hatte und habe das Glück, dass meine Familie mich unterstützen kann.“ Ohne diese Unterstützung wäre die Situation noch schwieriger gewesen.
„Der einzige ‚Luxus‘, den ich mir leiste, ist mein Sportverein.“ Viele Ausgaben müssten genau geplant werden: „30 Euro für den Frisör – kann ich mir das leisten? Kleidung? Da schaue ich, dass ich sie günstig bekomme, zum Beispiel second-hand.„
Selbst über zusätzliche Arbeit nach einer 40-Stunden-Woche sei nachgedacht worden – die Ideen wurden jedoch verworfen.
Was Kim beschreibt – der finanzielle Druck trotz Ausbildung und 40-Stunden-Woche – ist auch Ergebnis der gestiegenen Lebenshaltungskosten. Zwar lag die Inflationsrate in Deutschland im Januar mit 2,1 Prozent nur leicht über dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent. Der Ausblick für dieses Jahr gilt als vergleichsweise stabil. Doch der Blick auf die langfristige Entwicklung erzählt eine andere Geschichte.
Seit Januar 2020 – also unmittelbar vor Beginn der Corona-Pandemie und des Angriffs auf die Ukraine – ist der Verbraucherpreisindex bis Januar 2026 um 23 Prozent gestiegen. Das sind gut zehn Prozentpunkte mehr, als im Einklang mit dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank gelegen hätte. Besonders stark gestiegen sind in diesem Zeitraum die Preise für Nahrungsmittel – um 38,1 Prozent sowie für Energie um 34,7 Prozent.
Gerade diese Ausgaben treffen Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen besonders hart. Wer einen großen Teil des Einkommens für Miete, Lebensmittel und Energie aufwenden muss, spürt Preissteigerungen unmittelbar. Spielräume gibt es kaum.
Auch wenn die aktuelle monatliche Teuerung moderat erscheint, bleibt das Preisniveau dauerhaft erhöht. Für Beschäftigte im Niedriglohnsektor oder in tariflosen Betrieben ist das besonders problematisch. Wer ohnehin wenig verdient, kann Preissteigerungen nicht einfach auffangen. Jede unerwartete Ausgabe wird zur Belastungsprobe.
Kims Rechnung zeigt: Mindestlohn allein garantiert noch kein existenzsicherndes Einkommen. Ohne starke Tarifverträge, ohne regelmäßige Anpassungen und ohne eine Politik, die die Lebenshaltungskosten im Blick behält, bleibt Vollzeitarbeit für viele ein Balanceakt.
Arbeit darf nicht arm machen. Und sie darf nicht dazu führen, dass junge Beschäftigte trotz 40-Stunden-Woche darüber nachdenken müssen, ob ein Frisörtermin finanzierbar ist.
Welcher Lifestyle?
Wie blanker Hohn wirkt in diesem Zusammenhang dabei die aktuelle Diskussion über zu hohe Teilzeitquoten. Sie geht auch deshalb an der Realität vorbei, weil die Beschäftigten aufgefordert werden, mehr zu arbeiten, ohne dass sich an den Rahmenbedingungen etwas ändert. Konkret: Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, kann Arbeitszeiten nicht beliebig ausdehnen.
Neue Daten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigen: Im Herbst 2025 waren 54 Prozent der erwerbstätigen oder arbeitsuchenden Eltern, die grundsätzlich auf eine externe Kinderbetreuung – etwa in einer Kita, bei Tageseltern oder in der schulischen Ganztagsbetreuung – angewiesen sind, an mindestens einem Tag von eingeschränkten Betreuungszeiten oder sogar kurzfristigen Schließungen der Einrichtung betroffen, beispielsweise infolge von Personalmangel. Fast ein Drittel reduziert deshalb die eigene Arbeitszeit.
Steffen beschreibt, wie sehr seine Familie auf gegenseitige Unterstützung angewiesen ist. „Nicht gut“, antwortet er auf die Frage, wie Vereinbarkeit funktioniert. Ohne seine Partnerin, die neben ihrer Teilzeitbeschäftigung den Großteil von Haushalt und Kinderbetreuung übernimmt, wäre der Alltag kaum zu stemmen. „Ohne sie wäre ich aufgeschmissen“, gibt er zu. Und schiebt augenzwinkernd hinterher: Ohne sie und ihre „Lifestyle-Teilzeitbeschäftigung“.
Denn immer noch sind es überwiegend Mütter, die beruflich kürzertreten und sich unbezahlt um Kinder und die Pflege von Verwandten kümmern. Die Kluft bei der Sorgearbeit ist –ebenso wie bei der Bezahlung – nach wie vor groß. In diesem Zusammenhang von einem „Lifestyle“ zu sprechen, verhöhnt die Lebensrealität vieler in diesem Land.
Teilzeit, weil es nicht anders geht
Auch Simone weiß, was es bedeutet, Erwerbsarbeit und Sorgearbeit über Jahrzehnte hinweg zu verbinden. Sie ist 55 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei erwachsenen Söhnen mit Beeinträchtigungen und Großmutter von drei Enkeln. Ihr Mann ist Rentner und schwerbehindert. „Ich habe im Leben viel erlebt„, schreibt sie.
Bis zur Geburt ihres ersten Sohnes 1995 arbeitete sie in Vollzeit als Gebäudereinigerin in der Grundreinigung. Ab 2008 war sie in Teilzeit tätig, meist nachts – eine Arbeit, die sie nach eigenen Worten sehr gern gemacht hat. Gleichzeitig kümmerte sie sich zusätzlich um ihre kranken Schwiegereltern.
2018 erhielt sie die Diagnose einer bösartigen Krebserkrankung. Fast ein Jahr ihres Lebens sei dadurch „verloren gegangen„. Heute ist sie auf dem Weg der Besserung, gilt jedoch als schwerbehindert mit einem Grad der Behinderung von 60. Trotzdem ging sie wieder stundenweise arbeiten – „bis ich nicht mehr konnte„.
Wer angesichts solcher Lebensläufe von „zu kranken“ oder „zu bequemen“ Beschäftigten spricht, verkennt die Realität.
Doch es gibt noch eine weitere Dimension, die uns Andreas, Forstwirt bei den Landesforsten Rheinland-Pfalz, mitteilt: „Die Teilzeit-Änderung hätte bei uns zur Folge, dass etwa 40 Prozent der Angestellten arbeitslos wäre. Es wird ja deshalb nicht mehr Arbeit geschaffen, wenn alle in Vollzeit arbeiten.„
Buckeln bis zum Umfallen?
Auch beim Thema Krankenstand wird viel über Beschäftigte gesprochen – und allzu oft suggeriert, Fehlzeiten seien Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft oder gar „Faulheit“. Diese Sicht greift zu kurz und verkennt die strukturellen Gründe für krankheitsbedingte Fehlzeiten.
Andreas ordnet ein und verweist auf die Statistik: „14,7 Krankheitstage im Durchschnitt sind meiner Meinung nach extrem wenige Tage. Schließlich zählen dazu auch Reha-Zeiten oder Kinderkrankentage. Wenn man das bedenkt, ist diese Aussage geradezu asozial.“
Eine differenzierte Analyse des WSI zeigt: Die Ursachen für hohe Fehlzeiten liegen nicht in angeblicher Leistungsunwilligkeit, sondern in tatsächlichen Arbeitsbedingungen und mangelnder Prävention.
Fehlzeiten sind vielfach Folge hoher Arbeitsbelastungen, Personalmangel, unzureichender betrieblicher Gesundheitsförderung und des tatsächlichen Auftretens von Erkrankungen – insbesondere psychischer Erkrankungen, die überdurchschnittlich lange Ausfallzeiten verursachen.
Kim gehört zur jungen Generation am Beginn des Berufslebens. Der Wunsch ist da, zu arbeiten, sich etwas aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Doch stattdessen ist von Anfang an enormer Druck spürbar. „In meinem bisherigen Berufsleben erlebte ich viel Stress, Angst bis hin zur Panik, Frustration, Existenzangst, Depression und Unsicherheiten.“
Hinzu kommen dünne Personaldecken. Wer ständig Lücken füllen und Mehrarbeit übernehmen muss, gerät schnell an die eigene Belastungsgrenze. Wird daraus eine Erkrankung, müssen die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen einspringen.
Das sind keine Ausnahmen, sondern Erfahrungen, die viele junge Beschäftigte teilen: Zeitdruck, hohe Erwartungen, körperliche Belastung, finanzielle Unsicherheit. Wer ohnehin am Limit arbeitet und gleichzeitig jeden Euro umdrehen muss, steht unter doppeltem Druck – körperlich und psychisch. „Wir können nur arbeiten, aber nicht zaubern.“
Arbeitsleistung hat Grenzen. Wer permanent über diese Grenzen hinausgeht, zahlt einen Preis. „Druck fördert chronische Krankheiten – das ist ein Teufelskreis.“ So entsteht ein Kreislauf aus Personalmangel, Überlastung und neuen Ausfällen. Wer nur über Fehltage spricht, ignoriert die Arbeitsbedingungen – und verschiebt die Verantwortung weg von den Arbeitgebern auf die Beschäftigten.
Mit Macht für die 8
Klara, Rentnerin aus Thüringen, meldet sich bei uns und verweist auf die Arbeitszeitdebatte. „Wer die Streichung des 8-Stunden-Tages in Frage stellt, ist verantwortlich für steigende Arbeitsbelastung und Burnout-Zahlen. Was wir brauchen, ist nicht mehr Arbeit auf den Schultern weniger, sondern gute Arbeit für alle.“
Damit macht sie deutlich: Mit Symbolpolitik sollen die Ursachen der schwachen Wirtschaft den Beschäftigten in die Schuhe geschoben werden. Die Verlängerung der täglichen Höchstarbeitszeit löst kein einziges Problem. Und führt auch nicht zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Gerade in Branchen mit hoher körperlicher Belastung – auf dem Bau, in der Reinigung, im Forst – ist der 8-Stunden-Tag kein bürokratisches Hindernis, sondern ein Schutzschild. Wer ihn aufweicht, verschiebt das Risiko einseitig auf die Beschäftigten. Gute Arbeit entsteht nicht durchlängere Tage, sondern durch gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung und starke Tarifverträge.
Flexibilität am Arbeitsplatz gibt es längst. Dort, wo Tarifverträge gelten. Sie bieten Spielräume, ohne den Schutz der Beschäftigten auszuhöhlen. Eine gesetzliche Aufweichung hingegen würde vor allem jene treffen,die ohnehin kaum Mitbestimmung haben: Beschäftigte ohne Tarifbindung. Für sie hieße das längere Arbeitstage, weniger Erholung, mehr Druck.
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Kontakt Büro
Vorsitzender der IGBAU Kreisverband Königs Wusterhausen
Lothar Nätebusch
Bahnhofstraße 1, 15711 Königs Wusterhausen


